Jeder Mensch ein Künstler!… (w)er hat's gesagt?

Was bleibt von dem Satz, den viele für einen der spektakulärsten Aussagen eines Künstlers des 20. Jahrhunderts halten? Ein Nachruf.

Vom gescheiterten Medizinstudenten, über seinen Absturz als Sturzkampfflieger der Wehrmacht in der Krim, dann von Tataren in Fett und Filz eingewickelt und nur so überlebt, schließlich zum Kunstprofessor der Kunstakademie Düsseldorf, international angesehenen zeitgenössischen Künstler und Schöpfer der ’sozialen Plastik‘ avanciert.

Auch wenn er seine Aussage später korrigiert hat, („zwar jeder ein Künstler, aber nicht jeder ein Berufskünstler“),- als hätte er es geahnt -, der Schaden für die darauffolgenden Künstlergenerationen ist verheerend.

Nun braucht sich niemand mehr Mühe geben: Jeder noch so lapidar hingeworfener Farbfleck, alles was eigentlich für die Müllabfuhr bestimmt war, kommt ins Museum. Es spielt keine Rolle mehr, ob man etwas beherrscht oder nicht, schließlich ist ja jeder ein Künstler und damit alles gleich gut oder schlecht und also Kunst.

Alles stürzt sich auf eine Aussage die, denke ich mal, so nicht gemeint war und als Freischein missbraucht wird, um Unzulänglichkeit und Dilettantismus in den heißbegehrten Olymp der Kunst emporzuheben. Der kritische Blick, – vor allem die Selbstkritik – gehen vollends verloren. Zwar kann es sein, daß eine Frau die eine Kartoffel schält die selben Bewegungen vollzieht, wie ein Bildhauer, doch gehört deswegen gleich jede geschälte Kartoffel ins Museum? Dann wären unsere Museen und Galerien bald überfüllt mit geschälten Kartoffeln…..

Carlos Castaneda verfasste einmal ein Rundschreiben an alle Tensegrity- Praktizierende, nachdem er gehört hatte, daß sich nun einige zu Tensegrity Meistern erklärten und für viel Geld Schulungen anböten. Darin heißt es: „Dem Zyniker bleibt nichts anderes übrig, als ausschließlich die Karoffel, die er in der Hand hält für die Wahrheit zu halten. Der Unendlichkeit gegenüberzutreten, wie wir das alle einmal tun müssen, mit einer scheiß Kartoffel in der Hand, ist die denkbar dümmste Idee.“

Wozu dann noch für Kunst Geld ausgeben, wenn man es auch für umsonst von der Müllhalde kriegt? El Greco, Leonardo da Vinci, Herr Meier von der Fleischerei nebenan, alles das Gleiche, alle sind Künstler; der bekannteste deutsche Nachkriegskünstler hat es gesagt und der wird es ja wohl gewusst haben…. Dabei wurde Herr Meier gar nicht erst gefragt, ob er will oder nicht, es wird einfach unterstellt, er wäre einer.

Warum dann nicht jeder Mensch ein Arzt, Anwalt oder Richter? Warum nicht jeder Mensch ein Bäckermeister? Wäre doch nett: Ich werde heute mal Richter und erfinde die Gesetze neu, – zu meinen Gunsten, versteht sich -. Geht nicht, sagen Sie? Um Richter zu sein, muss man studieren? Man muss ein staatliches Examen besitzen und die Gesetze kennen? Ach ja? Und außerdem eine lupenreine Weste? Interessant, nicht?

Wie wäre es mit Künstlern, die etwas von Ihrem Handwerk verstehen, ordnungschaffende Elemente in ihrer Kunst einsetzen, Botschaften transportieren? Kunst als ein Akt der Besinnung, der Heilwerdung, der Intensivierung von Bewusstheit? Statt: „Jeder macht Quatsch, ich mache es nach.“

Nicht, daß wir uns jetzt falsch verstehen, ich habe wirklich nichts gegen Joseph Beuys, ich schätze ihn als herausragenden Zeichner und Schöpfer von einzigartigen Rauminstallationen. Auch die Idee der ’sozialen Plastik‘ erscheint mir sehr interessant.

Diese Beitrag ist als Aufklärung eines Missverständnisses, – möglicherweise durch missverständliche Äußerungen des Autors selbst hervorgerufen, – zu verstehen.

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