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Wagner vs Mendelssohn

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Wer von den beiden großen Musikern des 19 Jhrs hat die Zeit besser überlebt?

Aber ist denn der Titel so richtig? War nicht eher Johannes Brahms der Erzfeind von Richard Wagner?

Zu Lebzeiten vielleicht. Interessant wäre vielleicht dazu zu bemerken, dass sich beide als die rechtmäßigen musikalischen Erben Beethovens betrachteten und trotzdem total komplementäre Musik schufen. Tja, wenn zwei sich streiten…

Heute soll es jedoch um die Bedeutung des Werkes Richard Wagners und Felix Mendelssohn Bartholdys für die Nachwelt, aus heutiger Sicht,  also der heute Lebenden gehen.

Wer ist für die Nachwelt bedeutender?

Das Schwergewicht Wagner, mit seinen an germanischer Mythologie bedeutungsschwangeren Opernzyklen, an denen schon allein wegen ihrer monumentalen Größe kein Musikhistoriker und moderner Komponist heute mehr vorbeikommt.

Einer, der dafür bekannt war, dass er keinen anderen Lebenden neben sich gelten ließ und von dem Nietzsche gesagt haben soll, sein Herz läge auf seiner Zunge,  am liebsten erzählt er von sich selber.

Oder von dem bekannt ist, dass er seine Bereicherung an einer öffentlichen Kasse mit den Worten begründet haben soll: „Ich bin ein Genie, für mich gelten andere Regeln.“(Wikipedia), und zur Aufführung seiner Werke ein monumentales Chor mit Mammutorchester aber besser gleich ein Ganzes Opernhaus al la Bayreuth braucht, um dieses Genie verstehen zu können.

Oder das Leichtgewicht Mendelssohn- Bartholdy, der Hauptwiederentdecker der Werke Bachs, der jüdischer Herkunft war und der besseren Aufstiegschancen wegen zum Christentum konvertierte.

Jemand dessen ‚Lieder auch ohne Worte‚ auskommen und der revolutionäre Erfindungen, wie etwa den Taktstock in die Musik eingebracht hat. Robert Schumann nannte ihn schon zu Lebzeiten, „Der Mozart des 19. Jhrds.“

‚Der für das Lebensgefühl des 19 Jhrds typischste aller Komponisten‘, (wiederum Schumann) der die Probleme seiner Zeit wie kein Zweiter durchdrang, und in seinen Kompositionen verarbeitete.

Als der Leipziger Kapellmeister auf dem Zenith seiner Karriere, nur 38 jährig für viele völlig überraschend an einer Gehirnblutung starb, schien der Sieger festzustehen.

Nur 4 Jahre nach seinem Tod veröffentlichte Wagner in seiner Hetzschrift, „Das Judentum in der Musik“, einen Aufsatz darüber, warum ein Jude niemals große Kunst schaffen könne, und vor allem keine große Musik. Dabei bezog er sich ausdrücklich auf die Werke Mendelssohns, die er darin gnadenlos verriss.

Was Wagner theoretisch vorbereitete, setzte Wagnerverehrer Hitler dann in die Tat um. Im 3.Reich war die Aufführung von Mendelssohn wegen seines Judentums verboten, Partituren wurden vernichtet, das Leipziger Denkmal für Mendelssohn zerstört.

Wagner anderseits bis zum ‚geht-nicht-mehr‘ vergöttert. Die Wagnerwitwe Cosima vom Führer persönlich reich beschenkt. Nie gab es bombastischere Wagneropernaufführungen, wie in Nazideutschland.

1945, Europa lag in Schutt und Asche,

waren die Werke Mendelssohns so gut wie von der Erde getilgt. Die Nazis hatten ganze Arbeit geleistet. Nur ganz vereinzelt im Ausland wurde der ‚Mozart des 19 Jahrhunderts‘ noch musiziert.

Aber langsam und allmählich begann eine wahre Mendelssohnrennaissance. Immer mehr namhafte Dirigenten und Solisten sprachen sich für die Besonderheit der mendelssohnschen Werke aus. 2008 wurde das Leipziger Denkmal wieder errichtet. Mehr und mehr verschollene Werke des Meisters tauchten wieder auf und wurden Uraufgeführt.

In diesem Jahr am 03.02.2008 feiern wir den 200. Geburtstag von Mendelssohn, diesem wirklich außergewöhnlichem Genie und Menschen in aller Würde und Ehren. An diesem Tag hörte ich den ganzen Tag Mdr Figaro, und wie dort die Kunst, das Leben und die Verdienste gelobt und gewürdigt wurden, das erlebt man bei einem Künstler wirklich selten.

Und Wagner? Der Titan, Höhepunkt und Vollendung der Romantik in einer Person (so schrieben jedenfalls die Geschichtsbücher). Dieses monumentale Urgestein, dessen Musik jeden in seinen Bann zieht, der damit in Berührung kommt, und nicht wieder loslässt?

Nun, ich denke, der würde heute vor Neid erblassen, sowie er es schon einmal während seiner Hetzschrift getan hatte.

Doch ich möchte euch nichts vorenthalten. Am besten Ihr hört es euch selber an, welcher von beiden monumentalen und welcher fraktalen Charakter hat.

Welches Modell in Zeiten knapper Kassen für die Kultur eher Bestand hat, habe ich an anderer Stelle schon erklärt, aber ich denke, ihr könnt es euch an euren 10 Fingern auch selber abzählen.

Hier also zwei Hörbeispiele. eigentlich war hier eine kleine Gegenüberstellung geplant. Ein Ausschnitt aus einem monumental theatralischem Opernwerk Wagners, etwa dem Parsifal, gegen ein Lied ohne Worte.

Aber wie es der Teufel so will, möchte mein Audioplayer den großen Wagner als mp3 nicht schlucken, Zufall?

Stattdessen Folgen also zwei ‚Lieder ohne Worte‘, interpretiert von Andas Schiff am Klavier.

Zuerst das Opus 62 no 6 auch bekannt als Frühlingslied:

[audio:http://bleibejung.de/wp-content/audio/21.mp3]

Dann das Opus 19 no, Andante con moto:

[audio:http://bleibejung.de/wp-content/audio/13.mp3]

,das mich an einen Wunderschönen Herbstspaziergang erinnert.

Um den Vergleich dann mit Wagner zu haben, hört euch am besten den Parsifal an, wenn ihr zufällig die Cd herumliegen habt, oder jemanden kennt, der sie hat.

So könnt ihr besser verstehen, was in diesem Artikel gemeint ist.

3 Antworten auf „Wagner vs Mendelssohn“

Hallo,
einen Menschen wie Wagner, der nur spaltet, sich in Hybris und Monumentalität ergeht, mag ich nicht. Mein Weltbild basiert auf dem Christentum. Nicht umsonst nennen wir uns das Christliche Abendland, und wir sollten uns dieser Kultur verpflichtet
fühlen. Wer in die Nähe von F. Nietzsche – größter atheistischer Philosoph – und A. Hitler gerückt werden kann, dem muß man
misstrauisch gegenüber treten. In vielen Dingen ist sein Verhältnis ambivalent; als sich selbst bezeichnendes Genie muß er sich
wohl in Geheimnistuerei und Unauslotbarkeit ergehen.
Felix Mendessohn-Bartholdy ist dagegen ein herzanrührender Komponist und besonders seine Oratorien sind einfach wunderbar; der Mozart des 19. Jahrhunderts, und beim Hören seiner Musik werden die Engel wohl auch ihre Arbeit unterbrechen.
A. Stecker

Wagner war mit Sicherheit ein großer Künstler, vielleicht sogar größer als Mendelssohn. Doch wenn man auch menschliche Werte mit einbezieht, die ja ein Teil der Kunst sind, und hierbei bin ich gegen die Reduktion der Menschlichkeit auf das Christentum, dann steht Mendelssohn letzten Endes besser da.

Der Judenhass Wagners hatte schon auch Gründe, die ein wenig zu Gunsten von Wagner sprechen. Wagner hatte mit viel Aufwand und Schulden die Uraufführung des Tannhäuser in Paris vorbereitet und dirigiert. Der damals in Paris berühmte jüdische Komponist Meyerbeer hielt nicht viel von dem deutschen Emporkömmling und organisierte eine Hetzjagd gegen Wagner, die bei der Uraufführung in einen unglaublichen, Tumult ausartete. Anhänger von Meyerbeer sassen zu dutzenden in der Vorstellung und störten sie mit lauten Getöse von kleinen Trompeten und Rasselgeräten, so dass die Aufführung skandalös abgebrochen werden musste.
Seither hatte der rachsüchtige Wagner nicht mehr viel Gutes über die Juden zu sagen, im Gegenteil…

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